Die Bibel sagt ganz klar…

Wir lesen die Bibel nicht so, wie sie ist, sondern so, wie wir sind. Wenn man eine bestimmte Lehre in der Bibel finden möchte, wird man sie auch finden. Wir alle lesen unsere eigenen Vorstellungen in den Text mit rein. Und natürlich denkt jeder, dass es der andere ist, der eine falsche Vorstellung von Gott, bzw. dem Text hat. Jeder bringt seine eigenen vorgefassten Ansichten mit, wenn er etwas liest, inklusive der Bibel. 42.000 (!) christliche Konfessionen lassen an der Aussage “die Bibel sagt ganz klar…” doch einige Zweifel aufkommen! Wir lesen die Bibel nie objektiv, sondern immer interpretierend. Wie wir die Bibel lesen sagt mehr über uns aus als über die Bibel. Das Problem ist, dass wenn wir meinen, dass die Art, wie wir die Bibel lesen, die einzig richtige ist, dann trennt uns das von unseren Brüdern und Schwestern, die zu anderen Schlussfolgerungen kommen, weil sie ja nicht nur uns widersprechen, sondern Gott!

Wenn wir meinen, wir müssten nur mehr beten, damit Einheit unter Christen kommt, dann erliegen wir einer Täuschung. Oftmals beten wir mit scheinbar demütigem Herzen um Einheit, meinen aber in Wirklichkeit, dass Gott dem anderen offenbaren muss, dass er falsch liegt. Wenn alle dann einst erkannt haben, dass sie sich irren und dann die gleiche Meinung haben wie wir, dann haben wir Einheit. So einfach ist das. Nein, so einfach ist das eben nicht.

Laut Epheser 4,13 ist Einheit ein Prozess. Es ist ein Prozess in Herz und Kopf bei jeder einzelnen Person. Denn wir sind aufgerufen, die Einheit des Geistes zu wahren, durch das Band des Friedens (s. Eph. 4) und indem wir einander in Liebe ertragen. Wieso in Liebe ertragen? Wenn wir alle einer Meinung sind, was gibt es da zu ertragen? Dann ist es doch leicht, zu lieben und Frieden zu halten. Genau, schwer wird es dann, wenn wir nicht einer Meinung sind, sogar bei Fragen, die wir als fundamental wichtig halten. Und da sollen wir uns trotzdem lieben und Frieden halten? Ja! Wir sollen ja sogar unsere Feinde lieben. Reife und Liebe erweisen sich erst da, wo unsere Auffassungen und Anschauungen auseinander gehen. Sie erweisen sich im Umgang mit unseren anders-denkenden Mitmenschen. Paulus fand es sogar so wichtig, nicht zu streiten, dass wir uns sogar lieber übervorteilen lassen (1. Kor.6,7). Wir Christen sind aber leider Weltmeister im Streiten und darin, uns die Bibel um die Ohren zu hauen. Wir verteidigen unsere Sichtweise, in der Meinung, es sei Gottes Sichtweise und hören dem anderen gar nicht mehr richtig zu. Dann meinen wir auch noch, es sei Liebe, wenn wir den anderen ausschließen, ihn warnen, bzw. vor ihm warnen, sogar drohen und diffamieren. Eigentlich ist uns ja klar, dass wir nicht schlecht übereinander reden sollen (z.B. Titus 3,2). Wir tun es aber dennoch am laufenden Band, sobald jemand zu einem anderen Schluss über einen Bibeltext kommt als wir. Ist es wirklich Liebe, wenn wir uns dann vom anderen abwenden und ihn schlecht machen?

Wir alle kennen und zitieren häufig die Verse aus 1. Korinther 13:
4 Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet.
5 Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach.
6 Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.
7 Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand.
8 Die Liebe vergeht niemals.

Sind wir geduldig und freundlich mit denen, die nicht unsere (Lehr-)Meinungen teilen?
Gott, der allmächtig, allwissend und allgegenwärtig ist, hätte doch sicher Mittel und Wege gehabt, die Wahrheit über alles, worüber wir uns so streiten, ein wenig deutlicher zu machen. So deutlich, dass nicht zig verschiedene Religionen und zig verschiedene Untergruppen, Konfessionen und Denominationen entstehen. Offensichtlich hat Gott kein so großes Problem wie wir selbst damit, dass Seine Kinder zu lauter unterschiedlichen Sichtweisen kommen, denn man findet kaum einen Menschen, der in allem so denkt wie wir selbst. Offensichtlich geht es Gott viel mehr darum, wie wir miteinander in all unseren Unterschiedlichkeiten umgehen. Darin wird die Liebe sichtbar. Und Liebe ist nicht hart und richtend, sie ist geduldig und freundlich. Sie lässt dem anderen die Freiheit, die wir uns für uns selbst wünschen

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